Against all odds by Nadia

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Story notes:

Spoiler: 4.09 Null Bock auf Rettung [Kiss Kiss, Bang Bang]
07.November
Ich kann nicht mehr einschlafen. Seit über zwei Stunden liege ich wach. Mein Bett kam mir noch nie so groß und so kalt vor, wie heute.
Ganz offensichtlich brauche ich wieder einen Freund. Und zwar nicht so einen, wie Henry! Ich kann noch immer nicht fassen, dass er Jack bat mir auszurichten, dass es aus ist zwischen uns. Infantiler geht's ja eigentlich nicht mehr! So ein blöder Arsch! Und ich dumme Kuh hab mich ihm geöffnet. Wie konnte ich nur?
Aber wegen Henry schreibe ich das Ganze hier nicht. Nicht heute. Mit Henry habe ich mich ausgiebig beschäftigt und ich ärgere mich ja doch nur, wenn ich weiter über diesen Knaben nachdenke.
Der heutige Eintrag gilt mal wieder Jack. Meinem besten Freund Jack. Dem Freund Jack, der in meinen Träumen oft soviel mehr als das ist. Mehr als dieser Freund, der mir nichts weiter als eine tiefe und innige, aber doch rein platonische Liebe entgegen bringt.
Warum habe ich diese Träume? Das scheint die imaginäre Frage zu sein, deren Antwort darauf ich schon längst kenne, die ich aber nicht akzeptieren will, weil sie so unbarmherzig ist, wie kaum eine andere. Ich liebe Jack.
Ich liebe und begehre meinen schwulen besten Freund! Vermutlich hatte ich diesen Traum, weil ich mir heute Abend mal wieder *Liebe in jeder Beziehung* angesehen habe. Und verdammt, das ist einer der besten Filme der Welt. – Dawson würde mir da vermutlich nicht zustimmen, weil es kein Spielberg Film ist und obendrein voller Herzschmerz, aber ich liebe diesen Film.
Ich schweife ab...
Jack. Ja, zurück zu meinem Problem. Meiner Sehnsucht, meinem Wunsch von ihm das zu bekommen, das er mir in meinen Träumen gibt.


Jack ließ das Tagebuch sinken, klappte es zu und starrte einige Sekunden bewegungslos darauf. Das war nicht unbedingt, wonach er gesucht hatte und es ging ihn überhaupt nichts an. Davon abgesehen war es ein direkter und unverzeihlicher Eingriff in Jens Privatsphäre. Und es gab niemanden, den er so sehr respektierte wie sie. Von Andie vielleicht mal abgesehen, aber Andie war ja auch seine Schwester, deshalb zählte sie hierbei nicht.
Jen träumte von ihm? Und ganz offenbar handelte es sich hierbei um sexuelle Träume. Er fühlte sich zwischen allen Stühle gefangen. Wusste nicht, ob er darüber lachen oder entsetzt und vielleicht auch bedrückt sein sollte. Lachen wollte er darüber, weil es irgendwie absurd schien, dass seine beste Freundin sexuelle Träume über ihn hatte. Entsetzt sein schien aus eben dem selben Grund angebracht, denn hey, sie waren nun einmal Freunde! Beste Freunde! Und dann war da dieses bedrückende Gefühl. Denn wenn Jen von ihm träumte, dann empfand sie mehr für ihn als Freundschaft, obgleich sie sich seiner Homosexualität bewusst war. Was wenn sie angefangen hatte mehr für ihn zu empfinden? Würde dies nicht irgendwann unweigerlich zu einer Trennung führen?
Sie zu verlieren war etwas, das er sich lieber nicht weiter ausmalen wollte. Sie war zu einem so immens wichtigen Teil seines Lebens geworden, dass er sich nicht einen Tag ohne sie vorstellen konnte.
Als habe er Angst erwischt zu werden – wobei Grams in der Küche unten war und Schmiere stand und Jen beim Zahnarzt – sah er vorsichtig hinüber zur Tür, die nur einen Spalt breit offen stand. Die Luft war immer noch rein. Er atmete erleichtert die unbewusst angehaltene Luft aus.
Jack wusste, dass er hier war, um Informationen über die Collages zu sammeln, auf die Jen gerne gehen würde und nicht etwa, um in dem Tagebuch ihre ganz intimen Gedanken und Gefühle nachzulesen. Aber ohne, dass er es wirklich hätte kontrollieren können, schlug er wieder die Seite auf, wo er sich selbst beim lesen unterbrochen hatte.

Immer wenn ich von ihm träume, habe ich das Gefühl, als fühle ich tatsächlich die Weichheit seiner Hände, die meine Haut berührt, jede Faser meines Körpers elektrisiert. Es wirkt so real, dass ich manchmal, wenn ich abends nicht einschlafen kann, mir einen dieser Träume ins Gedächtnis zurückrufe und mich der Vorstellung hingebe, dass er mich so liebt, wie ich ihn liebe. Dass er mich ebenso begehrt, wie ich ihn begehre. Und verdammt, wir wären ein perfektes Paar.
Zwischen uns herrscht das selbe Band, wie zwischen Dawson und Joey. Ein Band, das weit über Freundschaft und herkömmliche Liebe hinausgeht. Wir sind Seelenverwandte. Und wir lieben uns wie Joey und Pacey sich lieben. Wir wären wirklich ein perfektes Paar.
Wir könnten es sein, das schönste Pärchen, wäre da nicht Jacks Homosexualität, die gegen alle Vorteile immer zwischen uns stehen wird.
Ich bin inzwischen sogar soweit, dass ich glaube, dass wir in unserem frühren Leben – oder besser gesagt in einem davon – Liebende waren. Irgendwas muss jedoch schief gelaufen sein, so dass ich damit bestraft werde, dass er in diesem Leben schwul ist. Es muss so sein. Es ist meine Strafe! Ich muss irgendetwas ganz schreckliches getan haben, da bin ich mir ganz sicher. Eine andere Erklärung finde ich nicht für diese Art von Strafe.
Ich meine; was ist grausamer als sich in einen Schwulen zu verlieben, von dem man genau weiß, dass er nicht einen einzigen sexuellen Gedanken an einen verschwendet? Und ich kann ihm nicht mal böse sein, auch wenn ich es gerne wäre.
Ich wäre ihm wirklich gerne böse, weil ich denke, dass es ungerecht ist. Es ist ungerecht, dass ich ihn liebe, er mich liebt und wir dennoch niemals zusammen sein werden.
Joey, ja, die hatte das Glück von ihm geküsst und berührt zu werden, auf die Weise, von der ich nur träumen kann. Sogar Abby, dieser Teufel, hat seine Küsse schmecken dürfen, bevor sie in die Hölle zurückgekehrt ist, aus der sie gekommen war. Und dann gibt es da noch Kate, von der ich nicht allzu viel weiß. Ich weiß nur, dass sie das Mädchen ist, an das Jack seine Unschuld verloren hat. Himmel, wenn das nicht die pure Ungerechtigkeit ist, dann weiß ich auch nicht!
Und ich, der ewige Versager, der nichts richtig machen kann, ich verliebe mich ausgerechnet ihn; Jack NACH seinem Coming-out!


"Oh Gott", seufzte Jack. Das Tagebuch beiseite legend ließ er sich rücklings auf Jens Bett fallen. Er fuhr sich fahrig durchs Haar und schloss die Augen. Es war noch viel schlimmer, als er zunächst angenommen hatte. Es war weit mehr, als bloßes Begehren. Sie brachte ihm ehrliche und tiefe Liebe entgegen. Eine Liebe, die zu erwidern er nicht imstande war. Nicht, dass er sie *gar nicht* lieben würde, aber er brachte ihr eben keine *solche* Liebe entgegen. Es würde so vieles vereinfachen, wäre er nicht homosexuell. Er wusste das. Sie wusste es. Und doch, war es nicht zu ändern. Er hatte sich schon so oft gewünscht zumindest bisexuell zu sein, aber er war es nun einmal nicht.
Obwohl er fühlte, dass, wäre er eben nicht schwul, Jen ganz sicher das Mädchen sein würde, das er zum Traualtar führen würde, weil er sie wirklich von Herzen liebte. Er liebte sie so sehr, dass er manchmal Angst vor diesen Gefühlen bekam. Angst und Zweifel. Und Gott ja, er wollte sie wirklich für immer um sich haben. Er wollte, dass sie immer an seiner Seite blieb, so wie es zwischen normalen Liebenden wäre.
Jen hatte vollkommen Recht, sie waren seelenverwandt. Sie waren Seelenverwandte, beste Freunde und sie vertrauten einander. Und bis auf Sex hatten sie alles, was ein normales Liebespaar verbindet. Es könnte alles so schön sein. Es könnte...
Jack seufzte und griff sich wieder das Tagebuch. Mit etwas Schwung drehte er sich auf den Bauch, schlug das kleine in schwarzes Kunstleder gebundene Buch auf und begann neuerlich zu lesen.

18. November
Der Besuch bei meinem Vater erwies sich wie erwartet als Alptraum. Nicht nur, dass meine Vermutung bestätigt wurde und er das größte Dreckschwein auf der Welt ist, nein, er schien es noch nicht einmal wirklich zu bereuen, was er getan hatte. Er ist so ein mieser Schauspieler. Und ich habe sein Spiel durchschaut! Wie konnte ich nur denken, dass es diesmal etwas ändern würde? Positiv verändern... In dieser Hinsicht bin ich so schrecklich naiv und egal wie sehr es mich ankotzt, ich bin es einfach. Ich möchte so gerne eine normale Familie, einen Vater zu dem ich respektvoll aufsehen und eine Mutter die ich lieben kann. Ich möchte Eltern, die mich lieben, so wie ich bin. Die sehen, dass ich mich verändert habe.


An dieser Stelle des Tagesbuchs verwischte die Tinte hier und da und Jack wusste, dass Jen während des Eintragens geweint hatte. Er beschloss diesen Teil zu überspringen, da er ebenfalls nicht verraten würde, auf welches Collage Jen gerne gehen würde.

29. November
Jack kommt nachher zum Essen. Ich habe ihn die ganze letzte Woche kaum gesehen. Nicht weil er keine Zeit hatte, sondern weil ich etwas Ruhe und Zeit für mich brauchte, nach dem Desaster in New York. Ich habe ihn vermisst.
Es ist seltsam und total bescheuert, aber ich habe mich bestimmt schon zum zehnten Mal umgezogen. Als ob es Jack interessieren würde, was ich anhabe – ob figurbetont oder eher leger. Er ist schwul und wird sicherlich nicht zur Kenntnis nehmen, dass ich drei Kilo abgenommen habe. Drei Kilo und das so kurz vor Weihnachten, wo ich doch eh wieder zunehmen werde. Was soll's, ich mache das ja auch für mich.

Er war bis eben hier. Und die letzten zwei Stunden haben wir zusammen in meinem Zimmer verbracht. Wir haben uns einen Film angesehen. Ich habe dabei auf seiner Brust gelegen und mehr seinem Herzschlag gelauscht, als auf den Film geachtet.
Das ist wieder so ein Abend gewesen an dem nur ein Gedanke meinen Geist beherrscht hat; warum bist du schwul, Jack?!


"Das habe ich mich auch schon tausendmal gefragt...", raunte Jack und seufzte schwer.

Ich lag da, den rechten Arm um seinen Bauch geschlungen auf seiner Brust und habe jede einzelne Minute genossen. Genossen und mir vorgestellt, dass wir ein ganz normales Paar sind, das sich einen Film zusammen ansieht.

06. Dezember
Es wird schlimmer. Inzwischen träume ich alle zwei oder drei Tage von ihm. Ich habe schon Angst bei einem Film einzuschlafen, den wir zusammen ansehen, weil ich fürchte wieder zu träumen und dann vielleicht im Schlaf zu reden.
Ich muss ihn unbedingt verkuppeln, bestimmt lassen dann diese Gefühle und Träume nach, wenn ich vor Augen habe, dass er mir niemals solche Gefühle entgegen bringen wird, wie ich es mir wünsche.
Dieser Tobey scheint eine gute Wahl zu sein. Er ist süß, intelligent, geouted, ehrlich... Was will man(n) mehr? Bisher allerdings verstehen sich die beiden noch nicht so sonderlich gut. Das muss ich ändern. Und ich habe auch schon einen Plan.


So, sie hatte das also schon alles geplant. Jack schüttelte den Kopf und kratzte sich hinter dem Ohr. Unfassbar. Jen wollte Amor spielen, um ihn loszuwerden.
Soviel Mut und Kraft das mit Sicherheit erforderte, und er das respektierte, so kam er sich doch verarscht und verkauft vor. War das nicht seine Angelegenheit, in wen er sich verliebte. Ob er sich verliebte...
Und dieser Tobey war ganz sicher nicht sein Fall. Bei dem stand das Wort 'schwul' ja gerade zu unübersehbar auf die Stirn geschrieben. Nein, also Tobey würde mit Sicherheit nicht sein erster richtiger Freund werden. Da konnte Jen planen soviel sie wollte. Das würde nicht funktionieren.

17. Dezember
Alle reden nur noch vom College. Als gäbe es nichts anderes mehr. Es ist unerträglich. Es kotzt mich sogar so sehr an, dass ich mich lieber in mein Zimmer zurückziehe, laute Musik höre, die verhindert, dass ich über ein gewisses Thema nachdenke, und dabei stricke. Ja, ich stricke! Ich stricke aus Langeweile und weil Grams sich sicherlich über einen selbstgemachten Schal zu Weinachten freuen wird.
Nachdem sie mich in letzter Zeit immer so kühl behandelt wird sie diesen Wink vielleicht verstehen.

Jack war eben hier. Auch er hat nun die Bewerbungen für die Colleges fertig. Er wollte wissen, wie weit ich bin und ich habe ihn belogen. Ich habe ihn belogen und dann versucht das Thema zu wechseln. Und dann habe ich ihn gebeten zu gehen.
Ich kann im Augenblick nicht in seiner Nähe sein. Ich will nicht über Colleges reden, weil ich nie auf eines gehen werde.


Das war die letzte Seite. Jack klappte das Tagebuch zu, stand auf und legte es wieder in die Schublade der kleinen Spiegelkommode zurück, in der er es gefunden hatte. Er sah auf und direkt in den Spiegel vor sich, während er sich auf der kleinen Kommode abstützte. "Du hast gerade einige sehr intime Dinge über deine beste Freundin in ihrem Tagebuch nachgelesen", sagte er zu dem Jungen im Spiegel. "Du bist ein Schwein."
Und es hatte ihn nicht unbedingt weiter gebracht.

Mit diesem Gedanken ging er hinüber zum Schreibtisch und schaltete den Computer ein. Das Passwort kannte er zum Glück und vielleicht würde er ja dort etwas finden.


ENDE




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